Déjà-vu-Erlebnisse – Die Friedensbewegung der 1970er und 1980er Jahre ist aktuell

TitelDéjà-vu-Erlebnisse – Die Friedensbewegung der 1970er und 1980er Jahre ist aktuell
Typ der PublikationMiscellaneous
Publikationsjahr2017
AutorInnenFrey, U
Kurztext

Was Gegenstand der Auseinandersetzung um den Doppelbeschluss der NATO vom 12. Dezember 1979 in Europa gewesen ist, zeichnet der Historiker Jan Ole Wiechmann in seinem Buch „Sicherheit neu denken – die christliche Friedensbewegung in der Nachrüstungsdebatte 1977 – 1984“ auf 465 Seiten präzise nach. Er untersucht die Konzepte und das Agieren der christlichen Gruppen der Friedensbewegung als ihren Beitrag zu den politischen, gesellschaftlichen und sozialkulturellen Veränderungen dieser Zeit. Deren wichtigstes Thema war die Realisierung  einer „gemeinsamen Sicherheit“ als Voraussetzung für Frieden in Europa. .

Zentral ist die Erforschung der Motive und  Handlungsweisen von acht Organisationen der christlichen Friedensbewegung, der Aktion Sühnezeichen Friedensdienste (ASF) und der Aktionsgemeinschaft Dienst für den Frieden (AGDF), die die erste Großdemonstration und Kundgebung mit 300.000 (nicht 250.000, S. 68) Teilnehmenden im Bonner Hofgarten am 10.10.1981 verantworteten. Untersucht werden auch Ohne Rüstung leben, die Evangelischen Studentengemeinden, Pax Christi, die Initiative Kirche von unten, der Bund der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ) und die Gruppe „Schritte zur Abrüstung“. Diese Gruppen und Organisationen agierten interkonfessionell und wahrhaft ökumenisch. Sie waren nicht auf ihre Kirchen fokussiert, sondern arbeiteten mit säkularen Initiativen, Institutionen und Einrichtungen zusammen. Sie kooperierten mit gleich gerichteten Initiativen in Europa und dem „anderen Amerika“ in den USA sowie mit den Kirchen in der DDR, insbesondere seitens der christlichen Gruppen.  Das zentrale Organisationszentrum war der Koordinationsausschuss der Friedensbewegung in Bonn mit bis zu 30 Organisationen aus verschiedenen „Spektren“, der die Großaktionen der Friedensbewegung organisierte. Kritisch gegenüber der Friedensbewegung stellte sich die Organisation „Sicherung des Friedens“ auf.

Fünf Kapitel gliedern das Buch: Sicherheitspolitik in der Krise: Der NATO-Doppelbeschluss und die neue Friedensbewegung (1977 – 1984). Die christlichen  Gruppen orientierten sich am „Nein ohne jedes Ja zu den Massenvernichtungswaffen“ des Interkirchlichen Friedensrates (IKV) in den Niederlanden und niederländischer Kirchen. Die christlichen Gruppen der Friedensbewegung folgten in Anlehnung an die DDR-Kirchen der „Absage an Geist, Logik und Praxis der Abschreckung“. Die unter Mitwirkung von Olof Palme entwickelte Konzeption der „gemeinsamen Sicherheit“ und der „Sicherheitspartnerschaft“ war die politische Maxime der christlichen Gruppen der Friedensbewegung.

Wiechmann attestiert der christlichen Friedensbewegung trotz politischen Scheiterns „Ausdruck und Katalysator allgemeiner gesellschaftlicher und sozialkultureller Entwicklungen  in der Bundesrepublik seit den 1970er Jahren“ (S. 406) zu sein.  Was die positiven gesellschaftlichen und politischen Effekte der sicherheitspolitischen Debatte betrifft, so sei die Friedensbewegung „erfolgreich gescheitert“  (Roth/Rucht, S. 408). Ohne die Initiativen der damaligen Friedensbewegung gäbe es heute keinen Zivilen Friedensdienst und keine etablierte, aber immer noch zu schwache zivile Konfliktbearbeitung. Die aktuelle Diskussion zu „Friedenslogik statt Sicherheitslogik“ hat ihre Wurzeln in dem Engagement der früheren Friedensbewegung.  So ermutigt Jan Ole Wiechmann heute dazu, die Maxime der gemeinsamen Sicherheit erneut zu einem Kern aktueller Außen- und Sicherheitspolitik zu erheben.

Jan Ole Wiechmann, Sicherheit neu denken – Die christliche Friedensbewegung in der Nachrüstungsdebatte 1977 – 1984, Nomos-Verlag Baden-Baden, 1. Auflage 2017, 465 Seiten, Ladenpreis 84 €

Die Langversion der Rezension von Ulrich Frey kann hier heruntergeladen werden.