Am Rande des Abgrunds: Wie geht es weiter in Nicaragua?

TitelAm Rande des Abgrunds: Wie geht es weiter in Nicaragua?
Typ der PublikationWeb Article
Publikationsjahr2018
AutorInnenJansen, O
Untertitel / SerientitelStimmen aus Lateinamerika und der Karibik
VerlagFriedrich-Ebert-Stiftung
StadtBerlin
Kurztext

Auf den ersten Blick scheint die Rollenverteilung klar: Präsident Ortega hat die Ideale der nicaraguanischen Revolution verraten. Zusammen mit seiner Familie bereichert er sich schamlos, lässt keine fairen Wahlen zu und erstickt jeden Widerstand mit Waffengewalt. Die Studierenden hinter den Barrikaden waren hingegen bereit, für Demokratie, Freiheit und Gerechtigkeit ihr Leben zu geben. Nur mit Steinen und selbstgebastelten Mörsern bewaffnet, bildeten sie dabei die Speerspitze einer Massenbewegung aus demokratischer Opposition, Zivilgesellschaft und bäuerlich-indigenen Gruppen. Inzwischen haben die Polizeikräfte und Paramilitärs des Diktators den Aufstand niedergeschlagen und die Hetzjagd auf ihre Widersacher_innen eröffnet, die sich verzweifelt verstecken oder ins Ausland fliehen. Was für Menschen wären wir, wenn wir in dieser Situation nicht zu den Verfolgten hielten?

Die Ortega-Anhänger_innen haben unterdessen eine ganz andere Sicht auf die gewaltsame Zuspitzung, die schon jetzt weit über 200 Menschenleben gekostet hat: Rechte Unternehmer_innen, die nicaraguanische »Bourgeoisie« und die CIA warteten demnach schon lange auf eine günstige Gelegenheit für einen regime change, um eine der letzten Linksregierungen Lateinamerikas aus dem Weg zu räumen. Als die Opposition im April 2018 gegen eine Sozialreform auf die Straße ging, sahen die Verschwörer_innen ihre Zeit gekommen. Mit Geld, Waffen und Lügen fachten sie die Unruhen gezielt an, bis Regierungsgebäude in Flammen aufgingen und marodierende Banden die Kontrolle über ganze Stadtviertel übernahmen. In dieser Deutung eilten Ortegas Anhänger_innen daraufhin ihrer Regierung zur Hilfe, um die Revolution zu schützen und die ausufernde Gesetzlosigkeit zu beenden.

Beide Seiten sehen sich also auf historischer Mission – die Aufständischen als Widerstandskämpfer_innen gegen einen neuen Diktator, Ortegas Anhänger_innen hingegen als Verteidiger_innen der Revolution von 1979. (Auszug)

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