Politikstil der Gewaltfreiheit einüben – Weltfriedensordnung und Vereinte Nationen stärken

Erklärung des pax christi-Präsidenten Bischof Algermissen zum 72. Jahrestag der Befreiung Deutschlands vom Nationalsozialismus

pax christi - Pressemitteilung - 3. Mai 2017 (Berlin/Fulda) - Durch friedliche Mittel und nach den Grundsätzen der Gerechtigkeit und des Völkerrechts alle internationalen Streitigkeiten beizulegen, war die Entscheidung der Völker nach dem Zweiten Weltkrieg. Auf diese zukunftsweisende Transzendierung der grausamsten Gewalterfahrung der Weltkriege, die mit der Charta der Vereinten Nationen gelang, schaut die internationale katholische Friedensbewegung pax christi anlässlich des Gedenkens der Erlösung Deutschlands von Krieg und von der NS-Schreckensherrschaft am 8. Mai 1945 mit Hochachtung zurück. Der 8. Mai mahnt uns auch an die gemeinsame Verantwortung für dieses bisher uneingelöste Versprechen.

Die Gewaltfreiheit zu unserem Lebensstil zu machen, dazu hat uns Papst Franziskus in seiner Botschaft zum fünfzigsten Weltfriedenstag im Januar 2017 aufgerufen. Der Heilige Vater erinnert das Evangelium von der Feindesliebe (Lk 6,27ff), das Papst Benedikt XVI im Angelus vom 18. Februar 2007 als die Magna Charta der christlichen Gewaltlosigkeit bezeichnet. Die christliche Gewaltfreiheit „besteht nicht darin sich dem Bösen zu ergeben […], sondern darin, auf das Böse mit dem Guten zu antworten (Röm 12,17-21), um so die Kette der Ungerechtigkeit zu sprengen.“

Indes leben wir in einer Zeit der Gewalt, der Hungersnöte in Afrika, der Kämpfe in Syrien und der Ukraine. Das bereits Jahrzehnte währende Scheitern eines Friedens in Israel und Palästina, die vielen Bürgerkriege und Kriege, die Millionen Menschen in die Flucht treiben, bringen höchste Gefahr, die nicht verdrängt werden darf.

Wir erleben, wie das Bestreben der Vereinten Nationen beschädigt wird. Durch militärische Koalitionen wurde der Gewalt Vorrang gegeben; dabei wurden Zerstörungen angerichtet, die neue Gewalt und Gewalttäter geschaffen haben. Beispiele dafür sind die Kriege im Irak und Afghanistan. Wir wissen, dass auch unser Lebensstil und die Politik unseres Landes mit zu den ungerechten internationalen Wirtschaftsstrukturen und zur Klimakatastrophe beitragen. Wir sehen die Konflikte verschärfende, Not und Leiden verstärkende Bedeutung des Waffenhandels. Wir wissen um die Gefahren atomarer Abschreckung und der unverantwortlichen Rüstungsspiralen der Militärbündnisse.

Auf der Suche nach kreativen Schritten, wie Konflikte, die zum Zusammenleben der Menschen dazugehören, friedlich und ohne Waffen und Gewalt bearbeitet werden können, geht pax christi den Weg der aktiven Gewaltfreiheit. Das bedeutet niemals Passivität oder Wegschauen, wenn Menschen bedroht werden. Zu den Herausforderungen unseres Friedensengagements gehört es, die Ziele der Vereinten Nationen zu fördern, friedliche Schlichtung aller Streitigkeiten und Verzicht auf Gewaltanwendung zu gewährleisten, die Gleichheit und nationale Souveränität aller Staaten zu achten.

Zum Gedenken an den 8. Mai 1945 gehört deshalb auch die Erinnerung an den Mut und die Gestaltungskraft derer, die nach dem Zweiten Weltkrieg eine Weltfriedensordnung auf dem Wege der Zusammenarbeit schaffen wollten. Sie waren entschlossen, künftige Geschlechter vor der Geißel des Krieges zu bewahren. Möge in uns allen das Vertrauen wachsen, dass internationale Streitigkeiten auf dem Weg der Vernunft, durch auf Recht, Gerechtigkeit und Gleichheit gegründeten Verhandlungen gelöst werden können. Das Überleben der Menschheit hängt entscheidend davon ab, die bestehenden Konflikte zu beenden und dabei auf Abschreckung und tödliche Gewalt zu verzichten. Wer das Ziel erreichen will, muss einen Schritt tun und sollte nicht auf der Stelle treten.

Die katholische Friedensbewegung pax christi wird sich niemals mit dem Skandal abfinden, den das Zweite Vatikanische Konzil in seiner Pastoralkonstitution „Gaudium et Spes“ zur Sprache brachte: „Während man riesige Summen für die Herstellung immer neuer Waffen ausgibt, kann man nicht genügend Hilfsmittel bereitstellen zur Bekämpfung all des Elends in der heutigen Welt“ (GS 81). In der Konsequenz dessen: „Mitten in einer Welt voll Krieg und Gewalt kann die Kirche nicht als Sakrament des Friedens wirken, wenn sie sich anpasst“ („Gerechter Friede“, Wort der deutschen Bischöfe vom 27.09.2000).