Der „Vorrang für zivil“ ist noch lange nicht angekommen

AGDF und Friedenskreis Halle setzen auf Projekt „zivil statt militärisch“

Friedenskreis Halle - Pressemitteilung - 13.03.2017 - Im Kontext der Münchener Sicherheitskonferenz in München ist es erneut deutlich geworden: Deutschland wird den Verteidigungshaushalt und damit auch seine militärische Präsenz in den kommenden Jahren noch weiter erhöhen als bisher.

„Der Vorrang für zivile Konfliktbearbeitung ist nur ein Lippenbekenntnis, im öffentlichen Diskurs und im politischen Handeln aber nicht spürbar“, so Bernd Rieche von der Aktionsgemeinschaft Dienst für den Frieden (AGDF). Hinsichtlich dieser Entwicklung ist es wichtiger denn je, über Alternativen zu militärischem Handeln zu informieren. Die AGDF Projektstelle „zivil statt militärisch“, die in Zusammenarbeit mit dem Friedenskreis Halle e.V., und den evangelischen Landeskirchen in Mitteldeutschland und Hannovers durchgeführt wird, tut dies seit 2013, wird aber Mitte diesen Jahres auslaufen. Eine Fortführung ist aufgrund fehlender Finanzierung unsicher. Bisher wird das Projekt durch Brot für die Welt, die Evangelische Arbeitsgemeinschaft für Kriegsdienstverweigerung und Frieden (EAK) und die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland (EKM) finanziell gesichert.

Sowohl außen- als auch innenpolitisch ist die Stärkung militärischer Interventionen im Ausland spürbar und wirkt sich auf die Meinungsbildung in der deutschen Gesellschaft, in deutschen Schulen, Jugendgruppen und Kirchengemeinden aus. Hier wird der Einsatz militärischer Mittel im Kontext internationaler Gewaltkonflikte immer mehr als notwendig und alternativlos angenommen. Darüber hinaus zeigt die trendige Werbestrategie der Bundeswehr vor allem bei Jugendlichen, die als Nachwuchs angeworben werden sollen, ihre Wirkung. „Viele junge Menschen nehmen die Bundeswehr kaum als Armee wahr, die militärisch denkt und agiert sondern viel mehr als Teil des logistischen und humanitären Instrumentariums der Bundesrepublik im In- wie im Ausland“, stellt Agnes Sander, Bildungsreferentin im Projekt „zivil statt militärisch“ in ihrer Arbeit mit Jugendlichen immer wieder fest.

Deutschland hat bereits 2004 einen Aktionsplan „Zivile Krisenprävention, Konfliktlösung und Friedenskonsolidierung“ verabschiedet. Wirkung entfaltet dieses Papier jedoch kaum. Ansätze und Möglichkeiten Ziviler gewaltfreier Konfliktbearbeitung sind in Deutschlands Klassenzimmern so gut wie unbekannt. „Wenn wir in Schulen von Möglichkeiten Ziviler Konfliktbearbeitung berichten, sehen wir sowohl auf den Gesichtern der Jugendlichen als auch der Lehrkräfte große Fragezeichen“, berichtet Eva Hadem, die Friedensbeauftragte der EKM. Auch der Zivile Friedensdienst (ZFD) als von der Bundesregierung finanziertes Instrument ist kaum bekannt.

Seit 2013 wird im Rahmen des Projekts „zivil statt militärisch“ unter der Trägerschaft der Aktionsgemeinschaft Dienst für den Frieden versucht, dieser Situation etwas entgegen zu setzen. In den Bundesländern Sachsen-Anhalt, Thüringen und Niedersachsen bieten Menschen, die im Rahmen des ZFD praktisch in der zivilen Konfliktbearbeitung gearbeitet haben, Workshops und Vorträge zu Möglichkeiten gewaltfreier Konfliktbearbeitung bei Gewaltkonflikten an. Die Aha-Momente stellen sich bei dieser Bildungsarbeit sowohl bei Jugendlichen als auch Erwachsenen sehr schnell ein, gibt es doch so gut wie kein Bewusstsein über das Vorhandensein und auch den Erfolg dieser Ansätze.

„Gewaltsame Konflikte können mit militärischen Mitteln nicht gelöst werden. Die nachhaltige Bearbeitung von Gewalt erfordert zivile und gewaltfreie Methoden. Die Synode der Landeskirche Hannovers hat deshalb beschlossen, den Zivilen Friedensdienst zu fördern“, so der  Referent für Friedensarbeit der Landeskirche Hannovers, Lutz Krügener.
Gewaltsame Konflikte können mit militärischen Mitteln nicht gelöst werden. Die nachhaltige Bearbeitung von Gewalt erfordert zivile und gewaltfreie Methoden. Viele Beispiele weltweit zeigen dies. Das jüngste Beispiel Afghanistan, in dem militärische Ansätze versagt haben, ist nur eines unter vielen.

In interaktiven und zielgruppenorientierten Veranstaltungen wird im Projekt „zivil statt militärisch“ die Vielfalt ziviler Konfliktbearbeitung vorgestellt und verdeutlicht, dass nachhaltige Konfliktbearbeitung stets an den Ursachen von Konflikten ansetzen müssen.

Die Projektstelle „zivil statt militärisch“ läuft im Juli 2017 nach vier Jahren aus. Eine Fortführung ist unsicher. „Zivile Friedensbildungsarbeit erfreut sich aktuell in Deutschland nicht annährend derselben strukturellen und finanziellen Ausstattung wie die Bildungsarbeit der Bundeswehr an Schulen“, weiß Christof Starke, Geschäftsführer des Friedenskreis Halle e.V. Hinsichtlich steigender gewaltsamer Konflikte weltweit, die Millionen von Menschen zur Flucht zwingen und eines erhöhten jedoch erfolglosen Engagements der Bundeswehr in vielen dieser Situationen, ist es unumgänglich, über zivile Möglichkeiten der Konfliktbearbeitung im Rahmen von Bildungs- und Öffentlichkeitsarbeit zu informieren, um in einen kritischen Dialog eintreten zu können.