Das Politikfeld Humanitäre Hilfe muss gestärkt werden

Gemeinsame Studie von Caritas international, Diakonie Katastrophenhilfe und Ärzte ohne Grenzen veröffentlicht

Caritas International - Pressemitteilung - 14.10.2016 (Berlin/Freiburg) - Angesichts der weltweiten Zunahme von Naturkatastrophen und komplexer werdenden Kriegen und Gewaltkonflikten, gewinnt die Humanitäre Hilfe stetig an Bedeutung. Dieser Bedeutungszuwachs findet jedoch bislang in Deutschland weder in der öffentlichen Diskussion um Rolle und Wirksamkeit der Humanitären Hilfe seinen angemessenen  Widerhall, noch ist das Politikfeld mit den entsprechenden finanziellen Mitteln und Werkzeugen ausgestattet. Es mangelt an grundsätzlichen Kenntnissen zur  Humanitären Hilfe - sowohl in der Öffentlichkeit wie auch bei vielen Entscheidungsträgern. Zu diesem Schluss kommt eine unabhängige neue Studie, die Caritas international, Diakonie Katastrophenhilfe und Ärzte ohne Grenzen gemeinsam in Berlin veröffentlicht haben.

Politisches Versagen und Hilflosigkeit sind häufige Gründe dafür, dass humanitäre Hilfe überhaupt notwendig wird. Sie ist aber auch ein beliebtes Mittel der Politik, öffentlichkeitswirksam auf politische Krisen zu reagieren. "Humanitäre Hilfe kann und darf aber kein Ersatz für mangelnde politische Krisenprävention und Krisenbewältigung sein. Und wenn Konflikte gewaltsam ausgebrochen sind, darf humanitäre Hilfe nicht mit politischen Absichten verbunden und identifiziert werden, um Zugang zu den Hilfsbedürftigen nicht zu gefährden. Über solche und weitere humanitäre Grundsätze und Prinzipien muss ein kontinuierliches Gespräch zwischen Zivilgesellschaft und Politik geführt und öffentliches Bewusstsein geschaffen werden", sagt Cornelia Füllkrug-Weitzel, Präsidentin der Diakonie Katastrophenhilfe.

Die Prinzipien Humanitärer Hilfe - Menschlichkeit, Unparteilichkeit, Unabhängigkeit und Neutralität - sind zwar weitgehend unbestritten, dadurch wird jedoch eine Einigkeit vorgetäuscht, die den Blick auf große Herausforderungen in diesem Gebiet verstellt. Diesen Herausforderungen muss durch eine stärkere Reflexion und Debatte begegnet werden. "Das internationale System der humanitären Hilfe funktioniert nicht: Viel zu viele Menschen in Not werden nicht erreicht. Dafür gibt es Gründe, und die müssen analysiert und offen diskutiert werden, um Verbesserungen und Lösungen zu finden. Uns fehlt eine Plattform in Deutschland, auf der Praxis, Theorie und Politik zusammenkommen", sagt Florian Westphal, Geschäftsführer von Ärzte ohne Grenzen. Eine solche Plattform sollte beispielsweise das Bewusstsein für die Komplexität der Humanitären Hilfe stärken und praxisorientierte politische Analysen liefern.

"Wir müssen Humanitäre Hilfe sowohl in der deutschen Öffentlichkeit wie auch in der deutschen Politik verstärkt thematisieren. Die Menschen engagieren sich enorm für Geflüchtete und gleichzeitig nimmt die Kritik an dieser Hilfe zu. Die Erfahrungen der internationalen Organisationen und ihrer Partner in der Humanitären Hilfe vor Ort und in den Krisengebieten müssen daher stärker in die Debatten in Deutschland einfließen", sagt Oliver Müller, Leiter von Caritas international.

Der Bericht "Herausforderung Humanitäre Hilfe: Politische Bedeutung und kritische Reflexion in Deutschland" wurde im Rahmen einer Veranstaltung im Berliner taz café vorgestellt. Die unabhängige Studie von Martin Quack beruht auf der Analyse von Interviews mit verschiedenen Akteuren der Humanitären Hilfe, Sekundärliteratur und Originaldokumenten. Der Bericht zeigt, dass Humanitäre Hilfe in Deutschland noch nicht als eigenständiges Politikfeld etabliert ist und so den weltweiten Herausforderungen und der aktiven Rolle deutscher Organisationen nicht gerecht wird.